Vom Wildschaf zum Hausschaf

Wer von Schafen spricht, meint damit meist das Hausschaf (Ovis gmelini). Dieses hat eine spannende Geschichte hinter sich: Es stammt von den sogenannten Wildschafen ab und stellt die domestizierte Form dar. Heutzutage existiert eine bunte Vielfalt an Hausschafen, die von uns Menschen erzüchtet wurde: Zu unterscheiden sind verschiedene Rassen mit unterschiedlichen Merkmalen. Außerdem sind zahlreiche Farbschläge und Körperformen bekannt. Auch nach der Nutzung können Schafe voneinander unterschieden werden: Fleisch-, Woll- und Milchschafe sind verbreitet.

Mufflon – Der Vorfahre des Hausschafs

Liegender männlicher Mufflon

Bei Schafen (Ovis) handelt es sich um eine Säugetiergattung, die mehrere Arten beinhaltet. Dazu zählen unter anderem die Steppenwildschafe (Uriale), die Riesenwildschafe (Argalis) und die Westlichen Wildschafe (Mufflons). Die wissenschaftlichen Meinungen gehen auseinander, von welcher dieser Arten unsere heutigen Hausschafe tatsächlich abstammen. Neuere Erkenntnisse legen allerdings nahe, dass vermutlich alle Hausschafe Nachfahren domestizierter Armenischer Mufflons, also Westlicher Wildschafe, sind.

Mufflons werden bis zu 90 cm groß und Männchen erreichen ein Gewicht von bis zu 50 kg. Weibliche Tiere dagegen werden nur um die 35 kg schwer und besitzen kleinere, teilweise keine Hörner. Mufflons sind extrem anpassungsfähige Tiere, die ihren Lebensraum vor allem in trockenen Hochebenen und gebirgigen Regionen finden. Ihre Klauen weisen eine optimale Form auf, um auf harten Felsen klettern zu können. Droht Gefahr, flüchten Mufflons schnell auf für Feinde unerreichbare Felsvorsprünge. Durch die Fortbewegung auf festem, trockenem Boden nutzen sich die Klauen auf natürliche Weise ab. Heutige Hausschafe dagegen werden meist auf weichen und teils feuchten Wiesen gehalten. Aus diesem Grund müssen Halter*innen besonders auf die Pflege der Klauen ihrer Tiere achten.

In ihren natürlichen Lebensräumen kommen Mufflons gut mit einem eher spärlichen Nahrungsangebot zurecht. Starke klimatische Veränderungen machen ihnen wenig aus: Sowohl sehr kalte Winter als auch heiße Sommermonate sind diese Tiere gewohnt. Mufflons besitzen ein kurzes Fell, das sich deutlich von der Wolle unserer heutigen Hausschafe unterscheidet. Eher erinnert es an das Fell von Hausziegen. Der dichte Wollbehang von Hausschafen wurde durch den Menschen erzüchtet und muss ungefähr zweimal pro Jahr geschoren werden.

Vom Wildschaf zum Hausschaf – Geschichte der Domestizierung

Die Beziehung zwischen Mensch und Schaf hat eine lange Geschichte: Schafe gelten neben Hunden, Ziegen und Rindern als älteste vom Menschen gehaltene und domestizierte Nutztiere. Auch in Bezug auf den genauen Zeitpunkt der Domestizierung gehen die Meinungen auseinander. Allerdings kann eine Entstehung vor rund 10000 Jahren angenommen werden. Menschen, die vor allem in Gebieten Asiens (Türkei, Iran, Irak, Libanon, Ägypten usw.) als Jäger und Sammler gelebt hatten, wurden zu dieser Zeit sesshaft. Damit einher ging der Beginn von Ackerbau und Viehzucht.

Vermutlich fingen die Menschen Armenische Mufflons ein, um sie zu zähmen und als Haus- bzw. Nutztiere einzusetzen. Schon früh hatten Schafe eine kultische Bedeutung, wurden aber vor allem aufgrund ihres Fleisches geschätzt. Auch die Wolle der Schafe wurde als Rohstoff für Kleidung eingesetzt, wobei, wie bereits erwähnt, die Vorfahren der heutigen Hausschafe noch keine mit heute vergleichbare Wolle besaßen. Erst durch gezielte Züchtungen durch den Menschen wurden die Fleisch-, Woll- und Milcheigenschaften verbessert.

Schon um 3000 v. Chr. existierten wahrscheinlich unterschiedliche Schafrassen. In verschiedenen Regionen hatten die Menschen je nach natürlichen Gegebenheiten und Anforderungen den Schwerpunkt mehr auf Wolle, Fleisch oder Milch gelegt. Gut geeignet für eine Haltung als Haustiere waren Schafe sicherlich vor allem aufgrund ihrer pflanzlichen Nahrung, die fast immer vorhanden war und für die menschliche Ernährung keine allzu große Rolle spielte. Zudem zeichnen sich Schafe durch eine im Vergleich beispielsweise zu Rindern geringe Körpergröße und ein angenehmes, ruhiges Wesen aus.

Entwicklung der Schafzucht

Schafe und Menschen haben also eine jahrtausendealte Beziehung. Bald wurden die neuen domestizierten Tiere fast überall auf der Welt gehalten und geschätzt. Früher galten Schafe vor allem als gute Wolllieferanten, die das einzige wirklich geeignete Material für die Kleidungsherstellung bereitstellten. Im Vergleich zu den Wildschafen zeichneten und zeichnen sich nämlich die domestizierten Tiere durch ein dichtes Wollkleid aus, das immer weiterwächst, bis es durch den Menschen geschoren wird.

Noch bis ins 20. Jahrhundert wurden Schafe vor allem wegen ihrer Wolle gehalten. Mittlerweile hat die Bedeutung der Schafe für die Wollherstellung aber abgenommen. Dies ist auf die Entwicklung synthetischer Fasern und Stoffe zurückzuführen, die die Schurwolle langsam verdrängten. Mit künstlichen Fasern ist nämlich eine günstigere Produktion mit teils besseren Eigenschaften möglich. Selbstverständlich gibt es dennoch Betriebe, die Wolle verarbeiten, und Halter*innen, die sich diese Arbeit zum Hobby gemacht haben.

Fleisch, Milch und Landschaftspflege

Für größere Betriebe steht mittlerweile eher die Fleischproduktion im Zentrum. Lämmer werden vor allem zur Mast gehalten und nach der Schlachtung zu Fleisch verarbeitet. Dieser Zweig der Schafthaltung hatte in den letzten Jahrzehnten einen großen Zuwachs zu verzeichnen.

Natürlich spielte im Lauf der Geschichte auch die Milchproduktion eine Rolle. Erzeugnisse wie Frischmilch, Käse oder Frischkäse gelten auch heute vielerorts als Delikatesse. Zwar sind derartige Produkte vor allem in Süd- und Südosteuropa beliebt, aber auch in Mitteleuropa wird Schafmilch zunehmend geschätzt. Doch nicht nur der außergewöhnliche Geschmack, sondern auch die gesunden Inhaltsstoffe sind zu erwähnen: Untersuchungen zufolge weist Milch vom Schaf einen höheren Eiweiß- und Fettgehalt auf als beispielsweise Kuhmilch. Zudem gilt sie als bekömmlicher und enthält zahlreiche Nährstoffe.

Um die Schafhaltung noch wirtschaftlicher zu machen, werden heutzutage oftmals sogenannte Zweinutzungsrassen gehalten. Diese zeigen gleichzeitig gute Fleisch-, Milch- und/oder Wolleigenschaften. An einigen Orten werden Schafe zudem zur Landschaftspflege eingesetzt, um beispielsweise Deiche zu fixieren. Auch in die Stadt haben die faszinierenden Tiere Eingang gefunden: In einigen Städten „mähen“ sie Gras auf Grünflächen und bringen so ein wenig Landidylle in die Großstadt.